#1 Passer-Rating? Purdys historische Statistiken im Check

Nummer 1 der NFL-Geschichte: Brock Purdy besteigt den Passer-Rating-Thron

Seit Purdy die Marke von 1.500 Passversuchen überschritten hat, führt er mit 105,6 die ewige Bestenliste beim Passer Rating an. Wie belastbar dieser Rekord nach 54 Regular-Season-Spielen ist, was die Kennzahl ignoriert und was ANY/A und ESPNs Total QBR als Gegenprobe zeigen, ordnet dieser Artikel ein.

1.500 Passversuche und Platz 1

Für die Karriere-Bestenlisten verlangt Pro Football Reference mindestens 1.500 Passversuche, eine Marke, die Purdy nach sechs Spielen der Saison 2026 mit 1.524 Pässen und 86 Sacks, also 1.610 Dropbacks, erreicht hat. Seitdem steht der letzte Pick des Drafts 2022 mit einem Passer Rating von 105,6 an der Spitze der ewigen Liste, vor Lamar Jackson (102,7), Aaron Rodgers (101,8), Joe Burrow (101,3) und Patrick Mahomes (100,8), was für einen Quarterback mit gerade einmal dreieinhalb Jahren als Starter bemerkenswert ist, aber auch Fragen aufwirft: Wie belastbar ist ein Rekord nach vergleichsweise wenigen Spielen, und was misst das Passer Rating überhaupt?

Die Antwort darauf ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint, und deshalb lohnt sich ein Blick auf drei Kennzahlen, die dasselbe Phänomen aus unterschiedlichen Winkeln betrachten. Das Passer Rating und ANY/A rechnen beide ausschließlich mit Zutaten aus dem Boxscore, das Total QBR von ESPN dagegen bewertet jede Aktion im Kontext. Die Daten stammen von Pro Football Reference und ESPN, die Auswertung dazu ist eigene Berechnung.

Das Passer Rating: Was die Zahl kann und was nicht

Das klassische Passer Rating speist sich aus vier Boxscore-Größen, nämlich Completion Percentage, Yards pro Versuch, Touchdown-Rate und Interception-Rate. Gerade deshalb hat es zwei strukturelle Schwächen, die man bei einem Rekordwert im Hinterkopf behalten sollte: Es ignoriert Sacks komplett, sodass ein Quarterback, der den Ball lange hält, dafür nicht bestraft wird, und es kennt keinen Spielkontext, weder Down und Distanz noch Spielstand oder Gegner. Als zusätzlicher Beleg taugt der Spitzenplatz in der ANY/A-Liste deshalb nur bedingt, denn beide Kennzahlen stammen aus denselben Zutaten, und wer in der einen Formel vorn liegt, liegt fast zwangsläufig auch in der anderen weit oben. Echte Gegenproben liefern erst Kennzahlen, die Sacks einrechnen und den Kontext berücksichtigen, und genau darum geht es in den folgenden Abschnitten.

ANY/A: Effizienz pro Dropback

Die Formel, die Pro Football Reference für die Karriereliste verwendet, lautet: (Passing Yards – Sack Yards + 20 × Touchdowns – 45 × Interceptions) / (Passversuche + Sacks). Im Kern baut ANY/A damit auf den simplen Yards per Attempt auf, korrigiert diese aber an drei Stellen, die für die Bewertung eines Quarterbacks entscheidend sind:

  1. Sacks werden wie ein Passversuch mit negativem Raumgewinn behandelt, sodass ein Quarterback, der den Ball zu lange hält, spürbar bestraft wird.
  2. Touchdowns bringen einen Bonus von 20 Yards, weil ein Pass in der Endzone mehr wert ist als die reinen Yards, die er überbrückt.
  3. Interceptions kosten pauschal 45 Yards, was ungefähr den Wert eines Ballverlusts samt Feldpositionswechsel abbilden soll.

Da diese Statistiken alle bereits seit mehr als 60 Jahren erhoben werden, bietet diese Stat zumindest einen historischen Vergleich aller QBs, die seit den 50ern in der NFL aktiv waren. Mit 8,00 liegt Purdy auch hier an der Spitze der ewigen Bestenliste, und zwar mit einem Vorsprung von 0,61 auf Patrick Mahomes, der damit fast so groß ist wie der gesamte Abstand zwischen Mahomes auf Platz 2 und Russell Wilson auf Platz 16.

Rang Quarterback Karriere-ANY/A
1 Brock Purdy 8,00
2 Patrick Mahomes 7,39
3 Lamar Jackson 7,32
4 Peyton Manning 7,17
5 Aaron Rodgers 7,14

Quelle: Pro Football Reference, Stand 20. Oktober 2026.

Doch ist Purdy damit tatsächlich der effizienteste Quarterback der NFL-Geschichte? Der naheliegendste Einwand betrifft die Ära, denn der Ligaschnitt bei ANY/A ist von 4,9 im Jahr 1985 auf 6,1 in der laufenden Saison gestiegen, was vor allem an selteneren Interceptions, weniger Sacks und Regeln liegt, die das Passspiel systematisch geschützt haben. Rechnet man diesen Epocheneffekt heraus und vergleicht jeden Quarterback mit dem dropback-gewichteten Ligaschnitt seiner eigenen Saisons, bleibt Purdy mit +2,00 Yards über dem Schnitt dennoch vorn, gefolgt von Steve Young (+1,68), Peyton Manning (+1,61), Joe Montana (+1,55) und Dan Marino (+1,42), während Mahomes mit +1,29 erst auf Platz 6 landet. Die Moderne allein erklärt Purdys Position also nicht.

QBR: Der Kontext zählt

Passer Rating und ANY/A behandeln einen 8-Yard-Pass bei 3rd and 12 exakt so wie einen bei 3rd and 6, sie unterscheiden nicht zwischen Garbage Time und Two-Minute Drill und ignorieren, was der Quarterback mit den Beinen leistet. Genau hier setzt die Total QBR an, die ESPN seit 2011 veröffentlicht und die sich in drei zentralen Punkten von ANY/A unterscheidet:

  1. Situation statt Boxscore. Jede Aktion bekommt einen Wert auf Basis der erwarteten Punkte aus Down, Distanz und Feldposition. Eine Third-Down-Conversion ist laut ESPN etwa +2,1 Punkte wert, eine Interception kostet etwa 4,2 Punkte.
  2. Alle Aktionen des Quarterbacks. Neben Pässen und Sacks fließen auch geplante Läufe, Scrambles und Turnover ein, ein einfacher Handoff dagegen bringt dem Quarterback nichts.
  3. Gegner und Spielstand. Gegen starke Defenses gibt es mehr Anerkennung, gegen schwache weniger, und wer mit großem Vorsprung oder Rückstand spielt, bekommt für dieselbe Aktion weniger angerechnet. Bei Pässen teilt das Modell den Wert zudem auf Pass Protection, Wurf, Fang und Yards after Catch auf.

Das Ergebnis wird auf eine Skala von 0 bis 100 umgerechnet, wobei 50 dem Ligaschnitt entspricht. Weil das QBR ein Wert pro Aktion ist, misst sie wie ANY/A Effizienz und keine Menge.

QBR Einordnung über eine Saison
25 Ersatzniveau
50 Ligadurchschnitt
65 bis 70 Pro-Bowl-Niveau (laut ESPN 2011)
ab 75 elitär

Rechnet man die Saisonwerte seit 2006 dropback-gewichtet zu einer Karriere-QBR zusammen, ergibt sich unter den 76 Quarterbacks mit mehr als 1.500 Pässen ein differenzierteres Bild als beim Passer Rating: Purdy steht mit 71,4 auf Rang 3, hinter Peyton Manning und Patrick Mahomes.

Rang Quarterback Karriere-QBR Pässe seit 2006
1 Peyton Manning 75,5 5.047
2 Patrick Mahomes 72,2 4.831
3 Brock Purdy 71,4 1.524
4 Drew Brees 70,5 8.742
5 Tom Brady 70,5 9.502

Quelle: ESPN Total QBR laut Pro Football Reference, Saisons 2006–2026, Stand 20. Oktober 2026, eigene Berechnung (Mittelwert der Saisonwerte, gewichtet nach Dropbacks).

Dabei gilt es zu beachten, dass Mannings Wert nur seine Jahre 2006 bis 2015 umfasst, weil ESPNs QBR erst 2006 beginnt, und dass Purdys Wert auf gerade einmal 1.524 Pässen beruht, während Brees und Brady jeweils mehr als 8.700 Pässe in den Schnitt eingebracht haben. Auch der starke Saisonstart 2026 mit 85,8 hebt seinen Schnitt, doch dazu später mehr.

Ein weiterer Haken verdient allerdings Erwähnung: ESPN veröffentlicht keinen offiziellen Karrierewert, weshalb hier der Mittelwert der Saisonwerte gebildet wird, gewichtet nach Dropbacks. Zudem hat ESPN das Modell zwischen 2011 und 2016 mehrfach verändert, unter anderem mit der Bewertung von Interceptions nach dem erwarteten Return, dem Einbezug von Pressure und einem neuen Punktemodell, weshalb Vergleiche über viele Jahre eine gute Orientierung, aber kein exakter Maßstab sind.

Wo beide Kennzahlen auseinanderliegen

Interessant wird es dort, wo ANY/A und QBR zu unterschiedlichen Urteilen kommen. Dabei sind die Listen nicht exakt vergleichbar, weil ANY/A die gesamte Karriere abdeckt, das QBR dagegen erst 2006 beginnt. Josh Allen steht in der ewigen ANY/A-Liste mit 6,72 nur auf Platz 17, weil seine Rushing Touchdowns im Passspiel keine 20-Yard-Boni erzeugen, im Karriere-QBR liegt er mit 67,2 dagegen auf Rang 6, denn Läufe und Scrambles zählen dort mit. Bei Lamar Jackson verhält es sich trotz seiner Run Skills umgekehrt, er steht bei ANY/A auf Platz 3, im QBR (66,7) aber nur auf Rang 8, und Patrick Mahomes belegt in beiden Listen Rang 2. Dass Purdy bei ANY/A Rang 1 und im QBR Rang 3 belegt, obwohl die eine Kennzahl Scrambler benachteiligt und die andere sie berücksichtigt, dürfte wohl das stärkste Indiz dafür sein, dass sein Ergebnis keine Eigenheit einer einzelnen Formel ist.

Der Vergleich mit Garoppolo und Tua

Den aufschlussreichsten Vergleich liefert Jimmy Garoppolo, weil beide ihre Zahlen weitgehend im selben Scheme, unter demselben Head Coach und mit teilweise denselben Waffen gesammelt haben. Man könnte also fragen, ob Purdys Werte nicht schlicht das Shanahan-System widerspiegeln. Als zweite Vergleichsgröße bietet sich Tua Tagovailoa an, der ab 2022 in Miami unter Mike McDaniel, einem Shanahan-Schüler, in einer verwandten Offense gespielt hat. Die Gegenprobe fällt deutlich aus:

Kennzahl Purdy Garoppolo Tagovailoa
Karriere-ANY/A 8,00 6,97 6,60
Karriere-QBR (seit 2006) 71,4 57,1 55,5
Rang in der QBR-Liste (76 Quarterbacks) 3 29 35
Pässe seit 2006 1.524 1.936 2.421

Quelle: Pro Football Reference, ESPN Total QBR, Stand 20. Oktober 2026, eigene Berechnung. Die QBR-Werte enthalten alle Saisons seit 2006 mit QBR-Wert, bei Garoppolo also auch das schwache Raiders-Jahr 2023.

Interessant ist auch die Nachbarschaft in der Liste, denn zwischen Purdy und den beiden Vergleichsspielern liegen rund 14 beziehungsweise 16 QBR-Punkte und eine ganze Reihe von Namen. Purdy steht zwischen Patrick Mahomes (72,2) und Drew Brees (70,5), Garoppolo auf Rang 29 zwischen Kirk Cousins (57,8) und C.J. Stroud (56,2), Tagovailoa auf Rang 35 zwischen Carson Wentz (55,6) und Eli Manning (55,4). Bei Tagovailoa kommt hinzu, dass sein QBR nach 70,6 im Jahr 2022 auf 61,5, 57,1 und zuletzt 37,5 gesunken ist, während sich Purdys Saisonwerte zwischen 64,8 und 85,8 bewegen.

Bei Garoppolo lässt sich der Vergleich in weiteren Kennzahlen vertiefen: Beim Adjusted EPA pro Play liegt Purdy mit 0,279 klar vor Garoppolo (0,173), bei der Success Rate mit 53,9 % vor 50,0 % und beim CPOE mit +4,0 vor +0,4. Bemerkenswert ist dabei, dass Garoppolos nominelle Completion Rate mit 68,4 % sogar höher ist als Purdys 66,5 %. Garoppolo hat also bei durchschnittlich 7,3 Air Yards pro Pass (Purdy: 8,0) die einfacheren Pässe komplettiert, Purdy die schwierigeren, und hält die Offense trotzdem häufiger im Plan. Das System hebt den Boden an, auf dem ein Quarterback steht, wie hoch er von dort aus springt, hängt aber weiterhin von Antizipation, Präzision und Entscheidungsfindung ab.

Kernaussage: Purdy führt beim Passer Rating (105,6) und bei ANY/A (8,00) und liegt im Karriere-QBR (71,4) auf Rang 3 hinter Peyton Manning und Patrick Mahomes. Weder die Ära noch das Scheme erklären seinen Vorsprung vollständig weg.

Die ehrliche Gegenrechnung

Allerdings wäre es zu einfach, die Zahlen nur zu feiern, denn gleich mehrere Einschränkungen gehören zum Gesamtbild. Zunächst ist die Stichprobe vergleichsweise klein: Purdys 8,00 stützt sich auf 1.610 Dropbacks, während Manning oder Brady jeweils mehr als 10.000 gesammelt haben, inklusive aller Verletzungs- und Altersjahre. Zudem ruht der Rekordwert bis jetzt vor allem auf zwei Ausreißern, nämlich der Saison 2023 mit 9,01 und dem laufenden Jahr mit 9,21 aus bislang nur 176 Dropbacks. Ohne den Saisonstart 2026 läge sein Karrierewert bei 7,85, ohne zusätzlich 2023 bei etwa 7,28, was allerdings immer noch über Peyton Mannings Karrierewert von 7,17 läge. Purdy hat in seiner Karriere also noch keine unterdurchschnittliche Saison gespielt, er hatte schlicht zwei außergewöhnliche.

Auch das QBR lässt sich nicht ohne Vorsicht lesen, denn die Karriere-QBR von 71,4 enthält die starken 85,8 aus dem Saisonstart 2026, während sein Rookie-Jahr 2022 mit 67,5 den Schnitt wieder etwas drückt. Hinzu kommt, dass beide Kennzahlen nur die Regular Season abbilden: Purdys ANY/A in den Playoffs liegt bei 6,9 aus acht Spielen und damit spürbar unter seinem Karrierewert. Aber auch hier waren alle Saisons deutlich über dem Ligaschnitt von knapp 57.

Und schließlich misst auch der Gesamtwert über die Karriere ein anderes Bild als die Effizienz pro Dropback. Multipliziert man den Vorsprung zum Ligaschnitt mit der Zahl der Dropbacks, haben Manning und Brady ihren Teams jeweils rund 15.500 Yards über dem Schnitt eingebracht, Purdy bislang gut 3.200. Seinen Platz in der Geschichte wird er sich also erst über die Dauer verdienen müssen.


Fazit

Was bleibt also vom Passer-Rating-Rekord? Das Passer Rating und ANY/A sind verwandte Boxscore-Formeln, das QBR bewertet jede Aktion im Kontext, und dass Brock Purdy in allen drei Kennzahlen ganz vorne steht, dürfte weniger Zufall als Muster sein, auch wenn Peyton Manning und Patrick Mahomes im Karriere-QBR noch vor ihm liegen. Außergewöhnlich ist dabei weniger der einzelne Rekordwert als die Konstanz dahinter, denn in jeder seiner bisherigen Saisons lag er bei ANY/A mindestens einen Yard über dem Ligaschnitt, und das unter einem Head Coach, bei dem Quarterbacks wie Nick Mullens, C.J. Beathard oder Trey Lance über einen längeren Zeitraum keine vergleichbaren Zahlen produziert haben. Gleichzeitig bleibt es bei 54 Regular-Season-Spielen eher ein Zwischenstand als ein Vermächtnis, und die eigentliche Bewährungsprobe steht noch bevor, nämlich dieses Niveau auch dann zu halten, wenn Kittle, McCaffrey und Co. altersbedingt ihren Höhepunkt überschritten haben.

Wer mehr darüber lesen und sich die Zahlen genauer anschauen will, kann gerne auf meine Stat-Seiten weiterlesen.

Career ANY/A: Analyse und Rechner
QBR Career Stats: Rangliste und Diagramm

Ich hoffe, dieser Überblick hilft dabei, die nächste Purdy-Diskussion im Freundeskreis oder in den Kommentarspalten mit ein paar Argumenten mehr zu führen.


Go Niners!
Chris Pracher

The Niner Empire Germany e.V. | Analyse von Chris Pracher | 21. Oktober 2026
Datenbasis: Pro Football Reference (Passer Rating, ANY/A, Passing-Tabellen 2006–2026), ESPN Total QBR laut Pro Football Reference, Erklärtexte von ESPN (Dean Oliver 2011, Brian Burke 2016, Updates 2013 und 2015), eigene Berechnungen, Stand 20. Oktober 2026.

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