NEG NFL-Academy – Advanced Stats Overview

Season Stats 2025 · Teil 1 von 4

Diese Serie von Chris Pracher:  Teil 1: Advanced Stats verstehen · Teil 2: Season Stats 2025 – Offense Deep Dive · Teil 3: Defense Deep Dive (folgt) · Teil 4: Alle Advanced Stats im Überblick (folgt)

Advanced Stats verstehen: Das kleine Metriken-Glossar für Niner-Fans

Wer sich heute ernsthaft mit Football beschäftigt, kommt an den sogenannten Advanced Stats nicht mehr vorbei, denn längst reichen Yards und Touchdowns nicht mehr aus, um zu erklären, warum ein Team gewinnt oder verliert. Doch was verbirgt sich eigentlich hinter Kürzeln wie EPA, DVOA oder CPOE, die in jeder zweiten Analyse auftauchen? Dieses Glossar erklärt die wichtigsten Metriken kompakt und in vier Dimensionen, Name, Quelle, Herleitung und Aussage, damit ihr unsere Saisonrückblicke mit dem nötigen Rüstzeug lesen könnt.


Eingangsgedanke: Kyle Shanahan callt einen Run. Christian McCaffrey nimmt den Ball und wird nach 4 Yards zu Boden gebracht. Grundsätzlich sind 4 Yards ganz ok, denn 3x 4 Yards ergibt 12 Yards und damit ein First Down. Wenn das immer so läuft, perfekt. Allerdings ist es nicht immer so einfach, denn es kommt auf die Umstände an. 4 Yards bei 3rd&3 sind gut bzw. ausreichend. Bei 4th&5 oder 3rd&10 sind das jedoch deutlich zu wenig in Anbetracht der Situation. Anderes Beispiel: Ein 8-Yard-Pass klingt zunächst ganz gut, wenn man bedenkt, dass nur wenige QBs einen Durchschnitt von über 8 Yards pro Wurf erreichen. Allerdings sieht ein 8-Yard-Pass nicht mehr so gut aus, wenn er bei 4th&12 und in den letzten 2 Minuten eines One-Possession-Games fällt. Beide Beispiele zeigen, dass die absoluten Zahlen oft nur die halbe Wahrheit verraten. Um dieser Wahrheit näher zu kommen, wurden die Advanced Stats entwickelt.

Die Fundamente: Team-Metriken

EPA / Expected Points Added (RBSDM/Sumersports, ursprünglich Brian Burke). Die Herleitung klingt komplizierter, als sie ist: Jede Spielsituation hat auf Basis von Down, Distance, Feldposition und Zeit einen Erwartungswert an Punkten, und die EPA misst schlicht, wie sehr ein einzelner Spielzug diesen Erwartungswert verändert. Ein positiver Wert ist gut für die Offense, ein negativer gut für die Defense. Die Aussage dahinter ist bestechend einfach: EPA misst den tatsächlichen Netto-Nutzen eines Spielzugs, statt bloß Raumgewinn zu zählen.

EPA/Play (RBSDM/Sumersports). Teilt man die gesamte EPA durch die Zahl der Spielzüge, erhält man den Goldstandard der Effizienzmessung. Der Wert bereinigt das statistische Rauschen reiner Volumendaten wie Total Yards und gilt vielen Analysten als die aussagekräftigste Einzelzahl überhaupt.

Success Rate (RBSDM/Sumersports). Sie misst nicht die Höhe, sondern die Verlässlichkeit: den Prozentsatz der Spielzüge mit positiver EPA. Während EPA/Play durch einzelne Big Plays verzerrt werden kann, zeigt die Success Rate, wie konstant ein Team „on schedule“ bleibt, also wie oft es einen Spielzug tatsächlich in eine bessere Lage bringt.

DVOA / Defense-adjusted Value Over Average (FTN Football Almanac, ursprünglich Aaron Schatz bei Football Outsiders). Die Herleitung ist die aufwendigste dieser Runde: DVOA vergleicht jeden einzelnen Spielzug mit dem historischen Liga-Durchschnitt in exakt derselben Situation und rechnet dabei die Gegnerstärke vollständig heraus. Das Ergebnis sagt in einer Prozentzahl, um wie viel besser oder schlechter als der Durchschnitt eine Unit war. Wichtig ist die Vorzeichen-Logik: Bei Offense und Special Teams ist positiv gut, bei der Defense negativ.

Der Quarterback: Effizienz und Risiko

CPOE / Completion Percentage Over Expected (RBSDM). Für jeden Pass lässt sich anhand von Distanz, Receiver-Separation und Verteidiger-Nähe eine erwartete Fangquote berechnen; CPOE ist die Differenz zwischen tatsächlicher und erwarteter Quote. Ein positiver Wert bedeutet, dass ein Quarterback Pässe anbringt, die statistisch eigentlich unvollständig sein müssten, ein reines Maß für Genauigkeit und Antizipation.

Pressure-to-Sack Rate (PFF/SIS). Sie misst den Prozentsatz der Situationen, in denen aus gegnerischem Druck tatsächlich ein Sack wird. Die dahinterliegende Erkenntnis dürfte viele überraschen: Sacks sind zu einem großen Teil eine Quarterback-Statistik, nicht bloß eine Sache der Offensive Line. Eine niedrige Rate zeigt exzellente Pocket Presence, eine hohe, dass ein Quarterback Sacks quasi einlädt.

ESPN QBR (ESPN Analytics). Anders als das veraltete Passer Rating bezieht der QBR alle Aktionen eines Quarterbacks ein, Pässe, Runs, Scrambles, Turnover, adjustiert für Gegnerstärke und blendet Garbage Time aus. Auf der Skala von 0 bis 100 markiert 50 den Liga-Durchschnitt, alles über 70 gilt als Elite.

PFF Pass Grade (PFF). Analysten bewerten hier jeden einzelnen Spielzug auf einer Skala von -2 bis +2 und normieren das Ergebnis auf 0 bis 100. Der Clou: Bewertet wird die Leistung losgelöst vom Resultat, sodass ein perfekter Pass, der fallengelassen wird, trotzdem positiv zu Buche schlägt.

Big-Time Throw Rate / BTT% (PFF, auch im FTN Almanac geführt). Sie erfasst den Prozentsatz der Pässe mit exzellenter Platzierung und exzellentem Timing, meist tief das Feld hinunter oder in extrem enge Fenster, die sogenannten Tight Windows. Die Aussage dahinter ist das Big-Play-Potenzial: Der Wert zeigt, wie oft ein Quarterback zu jenen Elite-Würfen fähig ist, die ein Spiel im Alleingang entscheiden können.

Turnover-Worthy Play Rate / TWP% (PFF/FTN). Das Gegenstück zur BTT%, denn sie misst nicht die Kunst, sondern das Risiko: den Prozentsatz der Spielzüge, die eigentlich eine Interception hätten sein müssen, auch wenn der Verteidiger sie fallen ließ, sowie klar vom Quarterback verschuldete Fumbles. Ihre Aussage ist besonders wertvoll als Frühwarnsystem, denn ein Quarterback mit wenigen Interceptions, aber hoher TWP% hatte bislang schlicht Glück mit den gegnerischen Defensivspielern und dürfte diese Turnover-Zahlen kaum halten können.

Running Back & Receiver: individueller Impact

RYOE / Rushing Yards Over Expected (Next Gen Stats). Mithilfe der Tracking-Daten aller Blocker und Verteidiger lässt sich zum Zeitpunkt der Ballübergabe eine erwartete Yard-Zahl berechnen; RYOE ist die Differenz zur Realität. Damit zeigt der Wert, wie viele Yards ein Running Back rein durch eigene Vision und Physis erzeugt, unabhängig davon, wie gut die Offensive Line geblockt hat.

YPRR / Yards per Route Run (PFF). Die gesamten Receiving Yards geteilt durch die Zahl der gelaufenen Routen. Weil der Wert das reine Volumen herausrechnet, gilt er als die vielleicht wichtigste Receiver-Metrik überhaupt: Alles über 2,0 ist sehr gut, über 2,5 Elite.

Target Share (Sumersports). Der Anteil der Team-Targets, der auf einen bestimmten Receiver entfällt. Er misst dessen Bedeutung im Passspiel und dient zugleich als Kontext für Effizienzwerte wie YPRR, ein hoher Wert bei gleichzeitig hoher Effizienz ist das Kennzeichen eines echten Nummer-1-Receivers.

ESPN Receiver Tracking Metrics (ESPN). Ein Composite-Score von 0 bis 99, der die drei Phasen des Receiver-Spiels bündelt: das Freispielen (Open Score), das Fangen (Catch Score) und die Yards nach dem Catch (YAC Score). Ein Wert von 99 steht für absolute Elite-Leistung.

Die Offensive Line: die undankbarste Statistik

PFF Pass Block Grade & Run Block Grade (PFF). Die Leistung eines Offensive Linemen war lange kaum in Zahlen zu fassen, weshalb PFF hier auf ein fehlerbasiertes Bewertungssystem setzt: Analysten benoten jeden einzelnen Snap auf einer Skala von 0 bis 100, wobei es für einen „normal gehaltenen“ Block keinen Bonus, für einen verlorenen aber deutliche Abzüge gibt, ein verschuldeter Sack wiegt dabei am schwersten. Die Aussage ist robuster als reine Sack-Zahlen, weil auch Hurries und Hits einfließen: Über 70 gilt als gut, über 80 als Elite, sowohl im Pass- als auch im Run-Blocking.

Pass Block Win Rate & Run Block Win Rate (ESPN/Next Gen Stats). Diese beiden Tracking-Metriken messen das Blocking über eine simple Erfolgsschwelle: Beim Passschutz zählt ein Block als gewonnen, wenn er mindestens 2,5 Sekunden hält, jene kritische Marke, innerhalb derer ein Quarterback den Ball im Schnitt loswerden sollte, beim Laufspiel, wenn der Blocker seinen Gegenspieler erfolgreich aus dem Loch schiebt. Ihr Vorteil liegt in der Anschaulichkeit, denn sie lassen sich sowohl individuell als auch für die gesamte Einheit ausweisen.

TruePassSets Blocking Efficiency (PFF). Die vielleicht zuverlässigste aller OL-Metriken, weil sie situativ „leichte“ Blocks konsequent herausfiltert: Bewertet werden ausschließlich echte Dropback-Situationen, während Play-Action-Plays, Screens und Rollouts ausgeschlossen bleiben, da diese die Lineman-Leistung künstlich verzerren. Genau deshalb sind vergangene TruePassSets-Werte ein besonders starker Prädiktor für künftige Leistung.

PFSN OL Impact (Pro Football Network). Der Versuch, alles in eine einzige Note mit Buchstabengrade zu gießen: Der Wert kombiniert Pass- und Run-Blocking-Metriken im Verhältnis 60 zu 40 und berücksichtigt dabei Pressures, echte Dropback-Situationen und die Zeit bis zur Pressure. Sein Nutzen liegt im fairen Vergleich, weil er Linemen unabhängig von Scheme oder Team-Leistung einordnet und zusätzlich innerhalb der Positionsgruppen (Tackle, Guard, Center) rankt.

Front & Secondary: die Arbeit ohne Ball

Pass Rush Win Rate (PFF/ESPN). Der Prozentsatz der Pass-Rushes, bei denen ein Verteidiger seinen Blocker innerhalb von 2,5 Sekunden schlägt. Weil die Marke unabhängig davon greift, ob der Quarterback den Ball schnell loswird, gilt sie als bestes Maß für die reine Qualität eines Pass-Rushers.

Run Stop Rate (PFF). Der Prozentsatz der Run-Snaps, bei denen ein Verteidiger einen „Stop“ erzielt, also einen Tackle, der für die Offense einen Misserfolg bedeutet. Besonders für Defensive Tackles und Edge-Rusher am First Down ist dieser Wert entscheidend.

Coverage Snaps per Target (PFF/SIS). Er gibt an, wie viele Snaps ein Verteidiger in Coverage verbringt, bevor er überhaupt einmal angeworfen wird. Ein hoher Wert ist ein Ehrentitel: Er zeigt, dass Quarterbacks eine Ecke des Feldes bewusst meiden, so wie man es bei echten Shutdown-Cornerbacks sieht.

Rec% / Reception Rate (PFF). Der Prozentsatz der Targets gegen einen Verteidiger, die zu einem Catch führen. Hier ist weniger mehr: Ein Elite-Cornerback liegt unter 50 bis 55 Prozent, wobei man den Wert stets im Kontext der Qualität der gegnerischen Receiver lesen sollte.

Wer diese knapp anderthalb Dutzend Begriffe verinnerlicht hat, wird jede moderne Football-Analyse mit anderen Augen lesen, und versteht auch, warum unsere Saisonrückblicke zu Offense und Defense an mancher Stelle zu Urteilen kommen, die sich aus dem reinen Boxscore niemals ergeben würden. Denn genau das ist der Sinn der Advanced Stats: Sie trennen das, was ein Team wirklich gut macht, von dem, was bloß nach einer schönen Zahl aussieht.

Schnellübersicht der wichtigsten Kürzel

Kürzel Misst Quelle
EPA/Play Effizienz pro Spielzug RBSDM
Success Rate Konstanz, on schedule bleiben RBSDM
DVOA Effizienz vs. Liga, gegnerbereinigt FTN Almanac
CPOE Passgenauigkeit über Erwartung RBSDM
Pressure-to-Sack Rate Umgang des QB mit Druck PFF/SIS
ESPN QBR QB-Gesamtwert, kontextadjustiert ESPN
Big-Time Throw Rate Anteil an Elite-Würfen PFF/FTN
Turnover-Worthy Play Rate Risiko-Würfe (verdiente INTs) PFF/FTN
RYOE Laufyards über Erwartung Next Gen Stats
YPRR Yards pro gelaufener Route PFF
Target Share Anteil an den Team-Targets Sumersports
PFF Block Grade Blocking-Qualität pro Snap PFF
Pass Rush Win Rate Qualität des Pass-Rushers PFF/ESPN
Coverage Snaps/Target Respekt in Coverage PFF/SIS
Rec% erlaubte Fangquote PFF

Go Niners!
Chris Pracher

The Niner Empire Germany e.V. | Analyse von Chris Pracher | 12. Juli 2026
Datenbasis: RBSDM/Sumersports, PFF, ESPN Analytics, NFL Next Gen Stats, ProFootballNetwork, FTN Football Almanac 2026 (Saison 2025).

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