Season Stats 2025 – Offense Deep Dive

Season Stats 2025 · Teil 2 von 4

Diese Serie von Chris Pracher:  Teil 1: Advanced Stats verstehen · Teil 2: Season Stats 2025 – Offense Deep Dive · Teil 3: Defense Deep Dive (folgt) · Teil 4: Alle Advanced Stats im Überblick (folgt)

Purdy trägt, der Run wackelt: Die 49ers-Offense 2025 im Advanced-Stats-Check

Wer die Offense der San Francisco 49ers 2025 nur an Yards und Punkten misst, verpasst die eigentliche Geschichte, denn die Advanced Stats zeichnen ein deutlich ehrlicheres Bild, und es ist eines mit zwei Gesichtern. Auf der einen Seite steht ein Passspiel, das zu den absolut effizientesten der gesamten Liga gehörte und von einem Quarterback angeführt wurde, der in den entscheidenden Metriken schlicht die Nummer eins war. Auf der anderen Seite steht ein Laufspiel, das trotz großer Namen im Backfield nur Mittelmaß produzierte. Wie passt das zusammen?


Kernbefund: Brock Purdy führte 2025 EPA/Play und Success Rate ligaweit an, das Offense-DVOA stand auf Rang 2 der NFL. Die einzige echte Baustelle hieß Laufspiel.

Das große Ganze: Elite durch die Luft

Beginnen wir bei der Vogelperspektive, denn sie ordnet alles Weitere ein. Die Offense-EPA lag bei +0,108 pro Spielzug (Rang 6), was bereits ein sehr guter Wert ist, doch der Teufel steckt in der Aufschlüsselung. Im Passspiel produzierte San Francisco +0,200 EPA/Play¹ (Rang 5) bei einer Success Rate von 53,7 Prozent² (Rang 3), war also nicht nur explosiv, sondern vor allem verlässlich konstant „on schedule“. Die aussagekräftigste Team-Zahl aber liefert das DVOA⁴ von FTN, das die Gegnerstärke vollständig herausrechnet: Mit +17,6 Prozent stand die Offense auf Rang 2 der gesamten NFL. Nur ein einziges Team war effizienter. Wer bedenkt, dass Brock Purdy acht Spiele verpasste und der Receiver-Raum reihenweise ausfiel, dürfte diese Platzierung fast unheimlich finden, hinter ihr blitzt die Klasse des Playcallings von Kyle Shanahan auf.

Der Bruch kommt beim Laufspiel: Dort rutscht die EPA/Play auf -0,028 ab (Rang 12), die Rushing Success Rate liegt bei nur 42,8 Prozent (Rang 11). Für ein Team, das seit Jahren für sein Zone-Scheme und sein Laufspiel gefeiert wird, ist das eine ernüchternde Momentaufnahme. Kurz gesagt: Diese Offense schwamm 2025 auf dem Arm ihres Passspiels. Reden wir also über den Mann, der es dirigierte.

Brock Purdy: In den wichtigsten Werten die Nummer eins

Es gibt eine anhaltende Debatte darüber, ob Brock Purdy ein echter Franchise-Quarterback oder bloß ein Game Manager ist, und die Advanced Stats der Saison 2025 liefern darauf eine bemerkenswert klare Antwort. Beim Goldstandard EPA/Play führte Purdy mit +0,328 die gesamte Liga an, Platz eins von allen. Die Success Rate bestätigt es mit 56,7 Prozent, ebenfalls Rang 1: Er war 2025 nicht nur der effizienteste, sondern auch der konstanteste Quarterback der NFL. Wer beides gleichzeitig anführt, hat kein Glück gehabt, sondern auf MVP-Niveau gespielt.

Die Belege reihen sich aneinander. Der CPOE⁵ von +7,2 (Rang 2) zeigt, dass Purdy Bälle in Fenster zwängte, die für den Durchschnitts-Quarterback zu eng waren; der ESPN QBR⁵⁵ von 72,8 (Rang 2) und das DVOA von +29,5 Prozent (Rang 2) untermauern das Bild aus jeder Richtung. Besonders aussagekräftig dürfte aber seine Pressure-to-Sack Rate³ von 9,0 Prozent sein, der beste Wert der Liga: Geriet Purdy unter Druck, wandelte er ihn nur selten in einen Sack um, ein Faktor, der in einer Saison, in der die Interior Offensive Line im Pass Blocking wackelte, goldwert war.

Wo hat Purdy Luft nach oben? Zwei Werte fallen auf. Seine Big-Time Throw Rate von 4,2 Prozent (Rang 22) zeigt, dass er kein Quarterback ist, der ein Spiel im Alleingang mit spektakulären Hero-Bällen entscheidet, und seine Turnover-Worthy Play Rate von 3,7 Prozent (Rang 15) ist solide, aber nicht makellos. Das Gesamtbild jedoch ist glasklar: Purdy war 2025 einer der drei, vier besten Quarterbacks der NFL. Und auch der Vertreter überzeugte, denn Mac Jones kam über die acht Purdy-losen Spiele auf +0,184 EPA/Play (Rang 9) und ein DVOA von +19,0 Prozent (Rang 8), ein Hauptgrund, warum die Offense trotz der Ausfälle nie einbrach.

Metrik Wert Liga-Rang
EPA/Play +0,328 1
Success Rate 56,7 % 1
Pressure-to-Sack Rate 9,0 % 1
DVOA +29,5 % 2
ESPN QBR 72,8 2
CPOE +7,2 2

Money Down: Purdy schreibt auf 3rd und 4th Down Liga-Geschichte

Wie belastbar Purdys Saison tatsächlich war, zeigt sich aber erst dort, wo es am meisten wehtut, nämlich an 3rd und 4th Down, wenn eine Offense keine zweite Chance mehr hat und jeder Fehlgriff den Drive beendet. Und ausgerechnet in dieser Situation, in der viele sonst starke Quarterbacks unter dem gestiegenen Druck einbrechen, lief Purdy 2025 zur vielleicht besten Money-Down-Saison auf, die die Liga seit Beginn der modernen Play-by-Play-Ära gesehen hat.

Unter allen Quarterbacks mit mindestens 70 Plays an 3rd/4th Down führte Purdy mit +0,611 Adjusted EPA/Play⁴⁴ die gesamte Liga klar vor Joe Burrow (+0,577) und Jordan Love (+0,482) an, doch der eigentliche Ausreißer ist die Success Rate: 62,1 Prozent. Kein anderer Quarterback im Feld kam auch nur in die Nähe dieser Marke, und dazu passt der CPOE-Wert von 14,3, der zeigt, dass Purdy in genau diesen Do-or-die-Momenten Würfe traf, die statistisch deutlich häufiger hätten misslüngen müssen als sie es taten.

Historische Einordnung: Ein Blick auf die RBSDM-Datenbank bis zurück ins Jahr 2002 zeigt, dass vor Purdy noch nie ein Quarterback an 3rd/4th Down eine Success Rate von 60 Prozent geknackt hat, Spitzenreiter war bislang Drew Brees 2011 mit 58,9 Prozent. Purdys 62,1 Prozent liegen mehr als drei Prozentpunkte darüber und markieren damit den ersten Wert über der 60-Prozent-Schwelle seit mindestens 24 Jahren. Auch bei der Adjusted EPA/Play reiht sich Purdy in erlesenste Gesellschaft ein: Nur Brees, Carson Wentz (2017) und Patrick Mahomes (2018) hatten zuvor je die Marke von +0,6 EPA/Play in dieser Situation übertroffen.

Was diesen Wert zusätzlich einordnet, ist der Kontext, in dem er entstand. Eine durchschnittliche Air-Yards-Zahl von 9,4 ist an 3rd/4th Down kein Wert, den man mit kurzen Screen-Designs oder simplen YAC-Konzepten in Short-Yardage-Situationen erreicht, sondern eher ein Indiz dafür, dass Purdy einen Großteil dieser Plays in echten 3rd-and-long-Szenarien bestritt, wo tiefere Routes nötig sind, um die volle Distanz überhaupt zu erreichen. Wer unter diesen Voraussetzungen trotzdem auf eine Success Rate von 62,1 Prozent kommt, verlässt sich erkennbar nicht auf simple, leicht zu bespielende Play-Designs, sondern trifft wiederholt die schwierigere Entscheidung im Fenster.

Wie sehr das an der individuellen Klasse des Quarterbacks hängt statt am System, zeigt der direkte Blick auf Mac Jones, der 2025 in genau derselben Offense, unter demselben Play-Caller und mit denselben Concepts genau dieselbe Situation durchlebte. Und dort fällt der Unterschied noch deutlicher aus als im Saison-Gesamtbild: An 3rd/4th Down kam Jones nur auf ein Adjusted EPA/Play von +0,131 (Rang 15) bei einer Success Rate von lediglich 45,9 Prozent, mehr als 16 Prozentpunkte hinter Purdys 62,1 Prozent. Dieselbe Scheme-Architektur, dieselben Play-Designs, doch an genau den Downs, die einen Drive am Leben halten oder beenden, klafft zwischen beiden Quarterbacks eine Lücke von fast einem halben Punkt. Das dürfte eines der klareren Indizien dafür sein, dass Purdys Money-Down-Dominanz keine reine Funktion von Shanahans Playcalling ist, sondern maßgeblich auf seiner eigenen Entscheidungsgüte unter Druck beruht.

# QB Team Plays Adj. EPA/Play Success Rate CPOE Cmp% Air Yards
1 B.Purdy SFO 103 +0,611 62,1 % 14,3 56,4 % 9,4
2 J.Burrow CIN 86 +0,577 54,7 % 16,4 57,2 % 9,6
3 J.Love GB 166 +0,482 54,8 % 4,6 57,1 % 11,7
4 D.Maye NE 197 +0,387 51,8 % 8,8 57,9 % 10,8
5 D.Jones IND 117 +0,344 50,4 % 5,0 62,1 % 8,2

Datenbasis: RBSDM, Saison 2025, Regular Season Wochen 1–18, Win Probability 0–100 %, min. 70 Plays an 3rd/4th Down, alle Quarters. Vollständiges Ranking mit weiteren Quarterbacks unter rbsdm.com.

Kittle, McCaffrey und das große Receiver-Rätsel

Purdy hatte gute Ziele, aber nicht durchweg, und ausgerechnet die beiden besten waren keine klassischen Wide Receiver. An der Spitze stand wie gewohnt Tight End George Kittle, dessen 2,11 Yards per Route Run⁵⁵⁵ (Rang 3) die Elite-Marke von 2,0 übertrafen und dessen ESPN-Tracking-Wert⁵⁵⁵⁵ von 76 der beste aller Tight Ends der Liga war. Kittle ist und bleibt einer der besten Receiving-Tight-Ends der NFL, und die Zahlen lassen daran keinen Zweifel.

Der spannendste Befund der ganzen Offense-Analyse aber betrifft Christian McCaffrey, und er ist zweigeteilt. Als Passfänger war CMC 2025 phänomenal: EPA/Target von +0,25 (Rang 3), 1,81 Yards per Route Run (Rang 3), eine Target Share⁵⁵⁵⁵⁵ von 23,45 Prozent (die höchste im Team und Rang 1 der Liga) und ein glatter ESPN-Tracking-Wert von 99 (Rang 1). Aus dem Backfield heraus war er faktisch der Nummer-1-Receiver dieser Offense, und passend dazu warf kein NFL-Team so oft zum Running Back wie San Francisco, wo 31 Prozent aller Pässe an die Backs gingen.

Doch am Boden erzählt dieselbe Person eine völlig andere Geschichte. Die EPA pro Laufversuch lag bei -0,09 (Rang 29), die Rushing Success Rate bei 40,2 Prozent (Rang 29), und der vielleicht härteste Wert ist ein RYOE von -0,5 (Rang 45), McCaffrey holte 2025 aus den Situationen, die ihm die Line schuf, weniger heraus als ein durchschnittlicher Back. Bevor man voreilig urteilt: Seine 50 erzwungenen verpassten Tackles (Rang 11) zeigen, dass die pure Elusiveness noch da war. Doch die großen Chunk-Runs, einst sein Markenzeichen, kamen seltener. Die ehrliche Lesart lautet: McCaffrey war 2025 ein elitärer Receiving-Back und ein nur durchschnittlicher Runner, sein Wert entstand über die Luft, nicht über den Boden.

Bei den echten Wide Receivern ergibt sich ein gemischtes Bild. Ricky Pearsall machte mit einem EPA/Target von +0,44 (Rang 13) Schritte nach vorn, auch wenn seine Separation von 2,6 Yards (Rang 66) zeigt, dass er sich nicht immer leicht freispielte. Kritischer ist der Fall Jauan Jennings: Trotz einer Target Share von 19,4 Prozent fielen seine Effizienzwerte deutlich ab (EPA/Target von -0,08, Rang 65; 1,35 Yards per Route Run, Rang 62). Ein negativer EPA/Target bei diesem Volumen ist ein Warnsignal, San Francisco fehlte 2025 ein echter zweiter Separator neben Kittle und dem Receiving-McCaffrey.

Spieler YPRR (Rang) Target Share (Rang) ESPN Tracking (Rang)
Christian McCaffrey 1,81 (3) 23,45 % (1) 99 (1)
George Kittle 2,11 (3) 21,6 % (4) 76 (1)
Ricky Pearsall 1,68 (34) 18,4 % (47) 53 (42)
Jauan Jennings 1,35 (62) 19,4 % (39) 44 (71)

Die Offensive Line: elitär im Run, wackelig im Interior-Pass

Wenn das Laufspiel nur Rang 11 bis 12 erreichte, obwohl die Line im Run-Block glänzte, wirft das Fragen auf, und die Antwort liegt zum Teil eben bei den Runningbacks, nicht an der Front. Denn die Run-Block-Grades waren herausragend: Left Tackle Trent Williams erreichte mit 92,0 (Rang 2) und Right Tackle Colton McKivitz mit 90,4 (Rang 4) fast identische Elite-Werte, und die Einheit kam als Ganzes auf eine Run Block Win Rate von 72 Prozent (Rang 12). Die Line schuf Löcher; sie wurden nur nicht immer optimal genutzt.

Im Passschutz wird das Bild differenzierter. Die kollektive Pass Blocking Efficiency lag mit 85,2 (Rang 18) exakt im Liga-Mittelmaß, und während Williams mit einer Pass-Block-Grade von 80,3 (Rang 7) elitär blieb, schwächelten im Interior Center Jake Brendel (62,5) und Guard Dominick Puni (63,3) mit unterdurchschnittlichen Noten. Genau das erklärt, warum Purdy so häufig unter Druck geriet, und warum seine ligaweit beste Pressure-to-Sack Rate am Ende so entscheidend war. Purdy rettete eine Interior-Line, die ihn im Passschutz nicht immer sauber hielt.

Fazit: Ein klarer Bauplan für 2026

Fügt man die Teile zusammen, ergibt die 2025er Offense ein bemerkenswert kohärentes Bild: eine Top-5-Passing-Offense, angeführt von einem Quarterback, der in EPA/Play und Success Rate die gesamte Liga anführte, mit einem positionsbesten Tight End und einem ligaweit elitären Receiving-Back, dessen Bodenspiel allerdings nur noch Durchschnitt war. Für die Kaderplanung 2026 zeigt sich der Bauplan damit fast von selbst: einen zweiten verlässlichen Separator im Passspiel, frisches Bein im Backfield für die Explosivität am Boden und Verstärkung im Interior der Offensive Line. Das Fundament aber, der Quarterback, ist gelegt. Und es trägt.


Go Niners!
Chris Pracher

The Niner Empire Germany e.V. | Analyse von Chris Pracher | 12. Juli 2026
Datenbasis: RBSDM/Sumersports, PFF, ESPN Analytics, NFL Next Gen Stats, ProFootballNetwork; DVOA aus dem FTN Football Almanac 2026 (Saison 2025). Alle Liga-Ränge beziehen sich auf die Saison 2025.

ℹ️ Methodik-Glossar – was die Kennzahlen bedeuten

¹ EPA/Play: Quelle: RBSDM / Sumersports. Summe aller EPA auf den Dropbacks bzw. Plays, geteilt durch deren Anzahl – der Goldstandard der Effizienz pro Play, bereinigt um das Rauschen reiner Volumenstats. Liga-Schnitt liegt etwa bei 0,0.

² Success Rate: Quelle: RBSDM / Sumersports. Anteil der Plays mit positiver EPA (bzw. ≥40 % der nötigen Yards an 1st Down, 60 % an 2nd, 100 % an 3rd/4th) – misst Konstanz statt Höhe.

³ Pressure-to-Sack Rate: Quelle: PFF / SIS. Anteil der Plays unter Pressure, aus denen ein Sack wird – niedrig heißt gute Pocket Presence.

⁴ DVOA: Quelle: FTN Football Almanac (ursprünglich Aaron Schatz, Football Outsiders). Vergleicht jeden Play mit dem Liga-Durchschnitt in derselben Situation und rechnet die Gegnerstärke heraus.

ESPN QBR: Quelle: ESPN Analytics. EPA-basiert über alle QB-Aktionen, gegnerbereinigt, ohne Garbage Time; Skala 0–100, 70+ gilt als Elite.

CPOE: Quelle: RBSDM. Tatsächliche Completion-Quote minus erwartete Quote (aus Passdistanz, Separation, Druck, Verteidigernähe) – reine Genauigkeit.

Adj. EPA/Play (Money Down): Quelle: RBSDM. EPA/Play an 3rd/4th Down, gewichtet nach Win Probability, um Garbage-Time-Verzerrungen zu reduzieren.

YPRR: Quelle: PFF. Receiving Yards geteilt durch gelaufene Routes – über 2,0 sehr gut, über 2,5 Elite.

Target Share: Quelle: Sumersports. Targets geteilt durch alle Team-Targets in den Spielen, in denen der Spieler aktiv war.

ESPN Tracking: Quelle: ESPN Advanced Stats. Composite 0–99 aus Open Score, Catch Score und YAC Score – 99 ist absolute Elite.

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