Season Stats 2025 · Teil 3 von 4
Diese Serie von Chris Pracher: Teil 1: Advanced Stats verstehen · Teil 2: Season Stats 2025 – Offense Deep Dive · Teil 3: Season Stats 2025 – Defense Deep Dive · Teil 4: Alle Advanced Stats im Überblick (folgt)
Eine Bottom-8-Defense: Die 49ers-Verteidigung 2025 schonungslos analysiert
So sehr die Offense der 49ers 2025 begeisterte, so schonungslos fällt der Blick auf die andere Seite des Balls aus, denn die Advanced Stats lassen an dieser Verteidigung kaum ein gutes Haar. Wer nach einer echten Stärke sucht, findet auf Team-Ebene faktisch keine: In nahezu jeder relevanten Kategorie rangierte diese Defense im untersten Achtel der Liga. Der einzige Wert, der überhaupt respektabel aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als höchstens durchschnittlich, und selbst er ist geschönt. Die entscheidende Frage lautet damit nicht, ob diese Defense schlecht war, sondern wie viel davon echte Substanz ist und wie viel die Folge einer Verletzungswelle, die ausgerechnet die wichtigsten Spieler traf.
Kernbefund: In nahezu jeder Kategorie Bottom-8 der Liga (DVOA 27, EPA 26, Success Rate 29). Der einzige passable Wert, EPA gegen den Lauf (10), ist höchstens Durchschnitt und sogar geschönt: gegen effiziente Läufe war die Defense mit Rang 29 selbst Bottom-4.
Das große Ganze: Bottom-8, wohin man schaut
Fangen wir mit der Vogelperspektive an, denn sie zeigt das ganze Ausmaß der Misere. Das Defense-DVOA lag bei +9,0 Prozent, was Rang 27 bedeutete, und bei der Defense ist ein positiver Wert bekanntlich schlecht, die Einheit ließ also rund neun Prozent mehr zu als eine Durchschnittsverteidigung. Es ist auch kein Ausrutscher einer einzelnen Metrik, denn die EPA/Play von +0,077 (Rang 26) und die Success Rate von 48,2 Prozent (Rang 29) zeichnen exakt dasselbe Bild. Rang 26, 27, 29, das ist nicht bloß unterdurchschnittlich, das ist das untere Achtel der gesamten Liga.
Doch gab es nicht wenigstens gegen den Lauf einen Lichtblick? Auf den ersten Blick ja, denn die EPA/Play gegen den Lauf von -0,089 bedeutete Rang 10. Diese Zahl verdient allerdings keine Lorbeeren, sondern eine nüchterne Einordnung. Erstens ist Rang 10 von 32 im besten Fall Durchschnitt und ganz sicher keine Stärke. Zweitens, und das wiegt schwerer, ist der Wert geschönt: EPA bestraft vor allem explosive Big Plays, und die verhinderten die Niners passabel. Die eigentliche Down-to-Down-Verteidigung gegen den Lauf aber war desolat, wie die Rushing Success Rate von 45,3 Prozent (Rang 29) zeigt. Gegner blieben am Boden also fast nach Belieben on schedule und verzichteten nur auf die ganz großen Runs. Nüchtern betrachtet war damit auch die Run Defense höchstens Mittelmaß.
Und der Rest, die Passverteidigung? Eine Katastrophe. Gegen den Pass lag die EPA bei +0,179 (Rang 27), die Success Rate bei 50,0 Prozent (Rang 26). Fasst man alles zusammen, gibt es an dieser Defense auf Team-Ebene schlicht nichts schönzureden: eine einzige Zahl im Mittelfeld, alles andere im Ligakeller.
Der Pass-Rush: Ein Bosa-förmiges Loch
Warum die Passverteidigung so einbrach, lässt sich zu einem großen Teil an einer einzigen Abwesenheit festmachen. Nick Bosa, der Motor des gesamten Pass-Rushes, riss sich Ende September das Kreuzband und fehlte praktisch die ganze Saison, und ohne ihn kam kaum konstanter Druck zustande. Die Pass Rush Win Rate, die misst, wie oft ein Verteidiger seinen Blocker binnen 2,5 Sekunden schlägt, offenbart die Lücke schonungslos: Unter den Edge-Rushern erreichte einzig Yetur Gross-Matos mit 16,3 Prozent (Rang 18) einen halbwegs brauchbaren Wert, während Bryce Huff mit 14,3 Prozent (Rang 35) bestenfalls Mittelmaß war. Dahinter aber klaffte ein Abgrund, denn der schwer verletzte Rookie Mykel Williams (8,8 Prozent, Rang 95) und die jungen Interior-Tackles Alfred Collins (4,7 Prozent, Rang 102) und C.J. West lagen allesamt weit zurück.
Die Pass Rush Productivity, die Sacks, Hits und Hurries bündelt, bestätigt das Bild: Der beste 49er-Wert stammte hier von Huff (6,8, Rang 67), was bereits zeigt, dass kein einziger Rusher der Front auch nur in die Nähe eines Ligagrößen-Niveaus kam. Ein taktisches Detail aus dem FTN-Almanac unterstreicht die Not: Der durchschnittliche Box Count der Defense fiel von 6,28 (Rang 4) im Jahr 2024 auf 6,00 (Rang 31) im Jahr 2025, die 49ers zogen also mehr Personal in die Coverage zurück, und wurden dort trotzdem durch die Luft überrannt. Wenn selbst ein defensives Grundkonzept mit Fokus auf die Passverteidigung nicht hilft, dann fehlt schlicht der Druck von vorne.
Die Linebacker: Warner als Fels, dahinter dünne Luft
Im Zentrum der Defense stand, wie in jedem gesunden Jahr, Fred Warner, zumindest solange er gesund war. Seine Missed Tackle Rate von 7,7 Prozent (Rang 20) bestätigt die gewohnte Zuverlässigkeit, und in Coverage wurde er mit 8,2 Coverage Snaps per Target (Rang 31) durchaus respektiert, bei einer erlaubten Reception Rate von 72,7 Prozent (Rang 14), die für einen Off-Ball-Linebacker im Zone-Scheme vorzeigbar ist. Doch auch Warner verpasste am Ende Zeit, und dahinter wurde die Luft dünn: Dee Winters (Missed Tackle Rate 13,1 Prozent, Rang 56) und Tatum Bethune (16,0 Prozent, Rang 74) mussten mehr Verantwortung übernehmen, als ihnen guttat, und ließen in Coverage mit Reception Rates jenseits der 80 Prozent klar zu viel zu. Warner blieb damit weitgehend ein Solist in einer Einheit, die ihn ohne seinen kongenialen Partner Dre Greenlaw nur unzureichend stützte.
Die Secondary: Ein einzelner Lichtblick, viel Ligakeller
Die einzige wirklich positive Überraschung der ganzen Defense kam aus der Secondary, und sie trägt einen Namen, mit dem vor der Saison kaum jemand gerechnet hätte: Renardo Green. Der Cornerback ließ mit einer Reception Rate von 52,1 Prozent (Rang 14) so wenig zu wie kaum ein anderer Verteidiger im Kader und kombinierte das mit einer herausragenden Missed Tackle Rate von nur 4,5 Prozent (Rang 7), der zuverlässigste Mann im gesamten Back Seven. Green war in einer schwierigen Saison der Fels in der Brandung. Man muss aber ehrlich hinzufügen: Ein einzelner starker Cornerback macht aus einer Rang-27-Defense keine gute Verteidigung.
Denn um ihn herum wurde es schnell dünn. Die Cornerbacks Deommodore Lenoir und Darrell Luter wurden mit hohen Coverage-Snaps-per-Target-Werten von 9,4 und 9,6 (Rang 9 und 7) zwar respektiert, was bedeutet, dass Quarterbacks ihre Seite eher mieden, doch wenn sie dann angeworfen wurden, ließen beide mit Reception Rates um die 65 Prozent zu viele Catches zu. Und bei den jungen Safeties offenbarte sich der eigentliche Substanzmangel: Ji’Ayir Brown lieferte mit einer Reception Rate von 62,5 Prozent (Rang 19) einen brauchbaren Wert, während Malik Mustapha und der Rookie Marques Sigle mit hohen Reception Rates und schwachen Forced-Incompletion-Werten (Mustapha 3 Prozent, Rang 89) zeigten, wie viel Arbeit hier noch wartet. Die Secondary war jung, dünn besetzt und über weite Strecken auf sich allein gestellt, weil der Pass-Rush ihr keinerlei Hilfe leistete.
Fazit: Eine Großbaustelle, kein Reparaturfall
Am Ende bleibt die unbequeme Frage: Ist diese Bottom-8-Defense ein struktureller Defekt oder nur eine Momentaufnahme des Lazaretts? Ehrlich ist eine Antwort, die beides ernst nimmt, ohne die Schwäche kleinzureden. Ja, der Ausfall von Nick Bosa und der zeitweise fehlende Fred Warner erklären einen erheblichen Teil des Einbruchs, allen voran beim nicht vorhandenen Pass-Rush. Doch die Werte waren nicht nur schlecht, sie lagen fast durchgängig im untersten Achtel der Liga, und das lässt sich nicht allein mit Verletzungen wegdiskutieren. Eine junge, über weite Strecken überforderte Secondary und eine Front, die neben dem verletzten Bosa keine einzige echte Pass-Rush-Waffe besaß, sind eben auch ein Talent- und Tiefenproblem.
Für 2026 verbietet sich daher naiver Optimismus. Ein gesunder Nick Bosa dürfte die Passverteidigung spürbar heben, allein weil sein Druck der gesamten Secondary Luft verschafft, doch von Rang 27 bis auch nur ins Mittelfeld ist es ein weiter Weg, und ob eine junge Truppe unter dem neuen Defensive Coordinator Raheem Morris diesen Sprung schafft, ist alles andere als gesichert. Die Namen Bosa, Warner und Green bilden immerhin ein Gerüst. Aber gemessen an dem, was die Advanced Stats 2025 zeigen, ist diese Defense kein Feintuning-Fall mit ein, zwei Stellschrauben, sondern eine echte Großbaustelle. Alles andere wäre schöngeredet.
Go Niners!
Chris Pracher
The Niner Empire Germany e.V. | Analyse von Chris Pracher | 12. Juli 2026
Datenbasis: EPA-, Success-Rate-, PFF- und SIS-Werte aus der 49ers-Advanced-Stats-Datenbank 2025; DVOA-, Box-Count- und Team-Tendenzwerte aus dem FTN Football Almanac 2026 (Saison 2025). Alle Liga-Ränge beziehen sich auf die Saison 2025.
